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Foto: Alessio Panunzi
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THEATER- & OPERNREGIE

Theater ist ein Versuch, die Wirklichkeit im Aufruhr des gesellschaftlichen Geschehens zu spiegeln. Neben der Wissenschaft ist es eine weitere reale Chance, das Chaos der Welt modellhaft nachzubauen und dadurch in Ansätzen zu verstehen. Es erfordert den andauernden Mut Fragen zu stellen und zugleich das Ausbleiben von Antworten auszuhalten.

  • Bild 1 'Die Quelle von Lin Wang'
    Foto: Regine Körner
  • Bild 2 'Die Quelle von Lin Wang'
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    Foto: Regine Körner

DIE QUELLE VON LIN WANG

Mein Blick auf China war lange nicht von Wirtschaftsdaten oder Fragen der Rechtsstaatlichkeit, dem Hintergrundrauschen in unseren täglichen Nachrichten, geprägt. In „Die Quelle“ sah ich zunächst die mythisch anmutende Geschichte einer jungen Frau vor mir, die sich auf der Suche nach Inspiration und ihrem eigenen Weg gegen verhärtete gesellschaftliche Strukturen und ihre eigene Familie durchsetzen muß. Die Gestalten dieser Familie – monströse Wesen – manipulieren jede ihrer Geistesregung und ersticken ihre Phantasie.

Damals – das Projekt liegt nun einige Jahre zurück und Xi Jinping war noch nicht Vorsitzender der kommunistischen Partei – war mir die Tiefe dieser Parabel und wie sehr sie nicht nur das persönliche Empfinden einer einzelnen Frau, sondern die Gesellschaft Chinas abbildet, nicht vollends bewußt. Auf Initiative des Theaters Bremen und Peter Ruzickas lernte ich den Maler David Schnell kennen. Für das Projekt setzten wir ein von ihm zuvor wiederholt gemaltes Motiv, das ich „den Verschlag“ oder auch „den Schacht“ nennen würde, als Theaterraum um. Es gelang eine starke Verbindung von Werk, Raum und Figuren, in der der Bühnenraum sowohl die Seele als auch die Wahrnehmung der jungen Frau spiegelte und im Verlauf des Stückes zwischen Gefängnis, Traum und bitterer Realität chargierte.

  • Bild 1 'Die Bakchen'
    Foto: Stefan Malzkorn
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  • Bild 3 'Die Bakchen'
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    Foto: Stefan Malzkorn

DIE BAKCHEN

Keine andere Tragödie der Antike vermag aus meiner Sicht die zwei großen Pole des menschlichen Daseins, das Zivilisatorisch-rationale sowie das Archaisch-intuitive derart brillant miteinander in Verhandlung zu setzen. Eine Verhandlung, die schließlich mit dem Sieg des Archaischen endet. Das Stück skizziert die dem Menschen immanente Unberechenbarkeit, die vielleicht gerade deshalb oft so wirkmächtig ist, weil der Mensch stets versucht, sie zu leugnen.

Der Herrscher Thebens sieht in dem in seinem Herrschaftsbereich praktizierten Kult um den Gott Bacchus, welcher dem Tanz, dem Wein und der Ekstase huldigt, eine Gefahr für sein Staatswesen. Entgegen dem Rat des Sehers und seines eigenen Großvaters beschließt er das Treiben mit Waffengewalt zu unterbinden. Diese eigentlich sinnvoll erscheinende Entscheidung besiegelt sein Schicksal: Im Rausch wird er von den Bachantinnen, unter ihnen seine eigene Mutter, bei lebendigem Leib zerfetzt. In der Kampnagel-Fabrik in Hamburg war es wie nirgends sonst möglich, beide Welten – die Stadt und die Wildnis in ein und demselben Raum zu verwirklichen und gleichzeitig der Forderung des Textes nach einer Bühne ohne illusionistische Elemente zu begegnen.

  • Bild 1 'L'Orfeo'
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L'ORFEO

Ohne zu relativieren könnte man behaupten, dass diese als „die erste Oper überhaupt“ geltende Oper auch die Beste ihrer Gattung geblieben ist. Das gilt zum Einen, wenn man fragt, warum der schauspielende Mensch singen sollte. Zum Anderen betrifft dies die perfekte und detaillierte Formung von Figuren und ihrer Charakterzüge durch Musik. Jenseits von den naheligenden inhaltlichen Definitionen und Bewegungsmustern der Figuren gibt es eine mythische Ebene, die jede Zeit selber deuten muß. Dabei überläßt die Imperfektion der Form in diesem Werk; das Gebilde eines „Versuchs über die Möglichkeiten der Oper“ dem Regisseur eine grenzenlose Spielwiese.

Gemeinsam mit dem Dirigenten Titus Engel stand die Frage im Vordergrund, welche musikalischen Mittel hilfreich wären, um Monteverdis Idee, Figuren durch Melodie und Harmonik zu charakterisieren, zu verstärken und sie dabei zugleich dem zeitgenössischen Zuhörer näher zu bringen. Dem Protagonisten des Orfeo wurde als Sinnbild seiner Lyra ein der Popkultur entlehnter Gitarrist zur Seite gestellt. Ein klein-asiatisches Cymbalon rückte den Orchesterklang weg von einem klassischen Ideal hin zu einem orientalisch-volkstümlichen Klangbild. In der Inszenierung war mein Anliegen, dem Grundmotiv „der Erfindung der Oper“ zu folgen und die Wirkungsmacht der Musik in all ihren Facetten szenisch darzustellen.

  • Bild 1 'Die Florentinische Tragödie – Der Zwerg'
    Foto: Jörg Landsberg
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    Foto: Jörg Landsberg

DIE FLORENTINISCHE TRAGÖDIE – DER ZWERG

Kaum andere Musiktheaterwerke stehen wohl in ähnlich intimer Weise an der Seite ihres Schöpfers wie diese beiden Einakter. Jede Note atmet das Sichverzehren nach menschlicher und künstlerischer Anerkennung eines Außenseiters – so als hätte Alexander Zemlinsky den Tagebucheintrag Alma Schindlers über seine Person gekannt: „Eine Carricatur – kinnlos, klein, mit heraus quellenden Augen und einem zu verrückten Dirigieren.“

In der künstlerischen Zusammenarbeit mit Ai Wei Wei wurden mir die Grenzen und Chancen des gemeinsamen Produzierens von Oper mit einem bildenden Künstler offenbar. Ai Wei Weis scharfe Beobachtungen von politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen schienen sich so gar nicht mit der im privaten Kontext verharrenden Komposition Zemlinskys verbinden zu wollen. Neben einer optisch und musikalisch ansprechenden Produktion stand somit für mich zuletzt die herausfordernde und wertvolle Begegnung mit einem Künstler im Mittelpunkt, dessen Intuition in der Verknüpfung von kultureller Identität mit gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart seines Gleichen sucht.

  • Bild 1 'In einem Jahr mit 13 Monden'
    Foto: A. T. Schäfer
  • Bild 2 'In einem Jahr mit 13 Monden'
    Foto: A. T. Schäfer
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  • Bild 5 'In einem Jahr mit 13 Monden'
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  • Bild 8 'In einem Jahr mit 13 Monden'
    Foto: A. T. Schäfer

IN EINEM JAHR MIT 13 MONDEN

Rainer Werner Fassbinders Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ fasziniert durch die Einfachheit seiner Dramaturgie bei gleichzeitiger Intensität der Figurendarstellung. Die Kommunikation und der Bezug der Figuren aufeinander weicht im Verlauf des Stückes der zunehmenden Vereinzelung und Vereinsamung der Menschen, in der sie umgebenden Welt.

Der Bühnenbildner Michel Schaltenbrand schuf für unsere Produktion am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg einen aus meiner Sicht genialen Raum: Die Vereinsamung der Figuren verstärkte sich im Nicht-Ort einer verlassenen Einkaufspassage, die zugleich ihr Inneres zu spiegeln schien. An keinem anderen Ort wäre es besser gewesen die verzweifelte Suche der Hauptfigur Elvira nach Nähe und Liebe darzustellen. Jürgen Uter, Jana Schulz, Marlen Diekhoff, Lukas Holzhausen, Monique Schwitter und Lutz Salzmann waren die unverzichtbaren Darsteller*innen in dieser Produktion.

  • Bild 1 'Viva Verdi'
    Foto: Klaus Lefebvre
  • Bild 2 'Viva Verdi'
    Foto: Klaus Lefebvre
  • Bild 3 'Viva Verdi'
    Foto: Klaus Lefebvre
  • Bild 4 'Viva Verdi'
    Foto: Klaus Lefebvre
  • Bild 5 'Viva Verdi'
    Foto: Klaus Lefebvre

VIVA VERDI

Am Anfang stand der Dienstplan des Chores des Theaters Hagen. Der Chor war für die Spielzeit nur unterdurchschnittlich beschäftigt und so entstand der Gedanke, ihn unter der Klammer „Giuseppe Verdi“ zum Protagonisten eines Musiktheater-Projektes zu machen.

Die besondere Erfahrung in dieser Arbeit war, dass es gelang, den grundlegenden Charakter eines Opern-Chores als bildfüllende Masse und Klangkörper deutlich zu erweitern. In den überdurchschnittlich vielen Chorproben, die uns zur Verfügung standen, konnten wir der individuellen Lust der Mitglieder des Chores an Charakterstudie und Spiel sowie ihrer Eigenverantwortung uneingeschränkten Raum geben.
Mit meinem italienischen Schauspielerfreund Antonio Laudadio etablierte ich als meinen Alter-Ego einen Regisseur im Stück, der sich im größenwahnsinnigen Versuch die Welt zu erklären, in dieser Welt und zwischen den Figuren Verdis verliert und sich in seinen Ambitionen heillos überfordert.

  • Bild 1 'Elias'
    Foto: Andreas Bode
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  • Bild 3 'Elias'
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  • Bild 4 'Elias'
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  • Bild 6 'Elias'
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  • Bild 7 'Elias'
    Foto: Andreas Bode

ELIAS

Der alt-testamentarische Elias wirkt in Meldelssohns Vertonung in jeder Hinsicht modern – insbesondere wenn wir ihn in Bezug zu unserer Gegenwart – und der zunehmenden Aggression, die heutzutage weltweit in politischen und gesellschaftlichen Diskursen herrscht, betrachten. Elias zeigt sich zugleich als fanatischer Extremist als auch als verwundbarer Hasardeur und Zweifler.

Der Auftrag der szenischen Umsetzung eines für Kirche oder Konzertsaal geschriebenen Oratoriums war für mich ein großes Glück. Ich empfinde das nur sporadische Aufflammen einer Handlung als auch die Brüche der Perspektiven und Motivationen von Figuren in einem Werk nicht als Hindernis, sondern als willkommene Möglichkeit, ein Werk in seiner Vieldeutigkeit aufzuschlüsseln und zu interpretieren. Eine sich oft vermeintlich aufdrängende Eindeutigkeit läßt sich auf diesem Weg gezielt hinterfragen. Die Friedenskirche in Potsdam im Ensemble um das Schloss Sanssouci bot uns einen idealen Ort, das Werk mit der Kammerakademie Potsdam unter der Leitung von Titus Engel zugleich als Oratorium und Oper in großer Nähe und Unmittelbarkeit zum Publikum zur Aufführung zu bringen.

  • Bild 1 'Mozart Requiem'
    Foto: Wolfgang Unger
  • Bild 2 'Mozart Requiem'
    Foto: Wolfgang Unger
  • Bild 3 'Mozart Requiem'
    Foto: Wolfgang Unger
  • Bild 4 'Mozart Requiem'
    Foto: Wolfgang Unger
  • Bild 5 'Mozart Requiem'
    Foto: Wolfgang Unger
  • Bild 6 'Mozart Requiem'
    Foto: Wolfgang Unger

MOZART REQUIEM

In der kritischen Auseinandersetzung mit der oft erzwungen wirkenden Dramaturgie von Opernwerken war es eine Erleichterung, sich einem lediglich formal strukturierten Werk ohne Figuren, einem Requiem zu widmen. Hier steht das Feld weit offen für die Bilder des Unterbewußten, für das große Thema des Alterns, der Vergänglichkeit und des Verfalls.

Vier Solisten und ein Kammer-Ensemble, dass seine Partien auswendig so gut beherrschte, dass es wagte, sich als Musiker*innen vollständig an der szenischen Handlung zu beteiligen (was bei mir noch heute uneingeschränkten Respekt hervorruft) waren in dem von uns entworfenen szenischen Setting geladen, das Requiem konzertant darzubieten. Schon in den ersten Minuten begann die Suggestion der Musik die Fäden einer Handlung unter den Anwesenden zu spinnen. Die Sänger*innen, wurden zu Charakteren, die sich mit einem Mal in einer existenziellen Auseinandersetzung um ihre eigene Vergänglichkeit wiederfanden. Wie mit „L’Orfeo“ konnten wir auch mit diesem Projekt von Kampnagel aus vielfach gastieren, unter anderem im Radialsystem Berlin und im Tanzhaus NRW.